Grenzenlose Freiheit – Entgrenzte Arbeit?

Moin,

die fortschreitende Digitalisierung suggeriert und manchmal gibt sie auch – grenzenlose Freiheit. Gleichzeitig sieht man immer häufiger Werbung, in der darauf hingewiesen wird, das Arbeit von überall erledigt werden kann – entgrenzte Arbeit. Ist das eigentlich gut für uns?

Am Anfang mag durchaus ein Ja stehen. Denn immer im Büro sitzen, steigert nicht durchgehend die Konzentration und Motivation. Vor allem, wenn man in Großraumbüros arbeitet. Auch „Home Office“ ist manchmal gar nicht schlecht, wenn man auf Handwerker wartet oder so ähnlich. Da lässt sich das Berufsleben durchaus kreativer und abwechslungsreicher gestalten. Vor allem ist man ständig erreichbar und kann vieles Online abarbeiten und gemeinsam im Team erarbeiten. Dabei kann jeder aus dem Team an einem anderen Ort auf dieser Welt sein. Oder stellen Sie sich vor, Ihr Chef sagt, sie können soviel bezahlten Urlaub nehmen im Jahr, wie Sie wollen, nur Sie allein entscheiden. Das ist doch grenzenlose Freiheit, oder?

Zuerst einmal muss man schauen, für wenn diese neue „grenzenlose Freiheit“ überhaupt zum Tragen kommen kann. Wie sieht es aus, mit Krankenschwestern, Landwirten, Busfahrern, Polizisten, Reinigungskräften, Lokomotivführern, Bauarbeitern, Zugbegleitern und,  und, und.
Einfach arbeiten von wo diese es wollen? Oder gar Home Office? Nein, denn dann würde unser Leben still stehen und im Chaos versinken. Das was also in der schönen, neuen, digitalen Welt für Arbeitnehmer propagiert wird, lässt sich bei sehr vielen Arbeitnehmern gar nicht umsetzen.

Was ist aber bei denjenigen, wo man es vom Tätigkeitsfeld her vermuten könnte? Kreative, wie Softwareentwickler, Medienschaffende oder auch Buchhalter? Warum nicht. Unternehmen/Arbeitgeber sparen eine Menge Büroarbeitsplätze. Man muss nur noch Poolarbeitsplätze vorhalten. Menschen sparen Arbeitswege und können sich in die Umgebungen, wo sie Ihrerseits meinen die besten Leistungen erbringen zu können. Sie haben  ein Stück mehr Verantwortung und sind trotzdem immer erreichbar. Aber nun vier Thesen/vier Beispiele:

  1. Selbstgewählter Urlaubsanspruch
    Wenn Sie heute in Ihrer Firma die Möglichkeit hätten, immer zu entscheiden wann und vor allem, wie lange Sie in Urlaub gehen, würden Sie mehr oder weniger Urlaub als den gesetzlichen Anspruch in einem Jahr nehmen?
    Sehr wahrscheinlich weniger, denn zuerst einmal würden sie schauen, was die Kolleginnen und Kollegen machen. Da alle jeweils auf den anderen schauen, wird jeder nur minimal Urlaub nehmen, denn wer möchte von seinen Kollegen, schon als „Urlaubskönig“ verschrien werden. Ihrem Chef, der so großzügig mit Ihnen ist, werden Sie doch nicht auch noch in den Rücken fallen wollen, wenn Sie 2 Monate im Jahr Urlaub machen würden. Wetten? Prüfen Sie sich mal selbst, bei dieser Frage.
  2. Arbeitszeit/Projektarbeit
    Im Büro haben sie eine feste Arbeitszeit. Braucht eine Arbeit länger, machen Sie Überstunden(Mehrleistung). Diese können sie entweder ausbezahlt kriegen oder später abbummeln. Viele Chefs erwarten heute standardmäßig, dass Sie erst mal ein „paar“ unbezahlte Überstunden machen, denn das Unternehmen muss wettbewerbsfähig bleiben, stimmst? Nun stellen Sie sich vor, sie könnten wo und wann und vor allem wie lange Sie wollen arbeiten. Ihr Chef gibt Ihnen einfach ein Projekt (Arbeitsvorgabe) und sagt Ihnen einen Termin bis wann es erledigt sein, der Rest liegt bei Ihnen. na was meinen Sie, was Sie jetzt machen? Ganz ehrlich, bestimmt nicht nach 6 Stunden eine Pause und vor allem wenn die Zeitvorgabe für das Projekt eng, werden Sie auch nicht nach 8 Stunden Feierabend machen. Auch wenn Ihre anderen Teammitglieder in anderen Zeitzonen arbeiten. Dann bleiben sie die Nacht wach (kriegen sie dann eigentlich einen Nachtzuschlag?) um mit dem Team kommunizieren zu können. Wetten?
  3. Briefe/Mails
    Hier mache ich es mir einfach und verweise auf : Zuviel Information! Bitte >>> hier klicken <<<
    Denn kurz gesagt, wo wir früher vielleicht 5 Briefe oder 2 Akten am Tag gründlich bearbeitet haben, haben wir es heute mit 100 Mails oder unzähligen elektronischen Vorgängen am Tag zu tun.
  4. Erreichbarkeit
    Wenn Sie Feierabend im Büro haben und dieses verlassen, sind Sie normalerweise nicht mehr erreichbar für Ihre Firma, bis zum nächsten Arbeitstag. Hier muss ich kein hypothetisches Szenario mehr aufbauen, hier beweisen die Meisten von uns, dass sie mit Smartphone, Tablet und Internet, fast rund und um die Uhr für Ihren Abteilungsleiter erreichbar sind. Und manche kennen gar keine Grenzen, wenn Sie um 20.45Uhr im Kino sitzen und auf Ihrem Smartphone die Nummer des Abteilungsleiters sehen, dann verlassen sie entweder gleich das Kino oder wissen nachher nichts mehr zu dem Film. Warum, weil sie sich nur noch damit beschäftigen, was der Abteilungsleiter noch wollte und was man noch schnell leisten kann. Achso zu 99,9999999Prozent ruft der Abteilungsleiter nicht an, um Ihnen von einer überraschenden Beförderung oder Lohnerhöhung zu berichten.

Die These 3. ist heute schon mehr als Realität und was viel schlimmer ist, sie wird auch immer stärker auf diejenigen angewandt, die Ihren Arbeitsort oder Ihre Arbeitszeit nicht selbst bestimmen können. Dadurch erfolgt ein immer stärkerer Eingriff in die dringlich notwendige Regenerationsphase derjenigen, also in Ihre manchmal sehr knapp bemessene Freizeit. Hier sind auch die Regeln deutlich zu verschärfen, zum Beispiel durch automatisches Abschalten aller technischen Systeme zum Feierabend und erst wieder „scharfschalten“ zum  nächsten Arbeits-/Schichtbeginn. Geht nicht? Doch erste Firmen beweisen dass es technisch überhaupt kein Problem ist.

Damit man grenzenlos arbeiten kann, ohne sich selbst permanent auszubeuten, benötigt man ein sehr hohes Maß an Selbstdisziplin und Selbstvertrauen. Spätestens bei der Selbstdisziplin wird es aber schwierig, denn wer sagt schon Nein zu einem gutem Leckerbissen? Wer hat das Selbstvertrauen zu sagen, ich schalte nach 8 Stunden ab und wenn die Zeit für ein Projekt zu knapp bemessen, dies auch seinem Chef dann deutlich zu machen. Aber vor allem wieso alle, auch diejenigen die Ihren Arbeitsort nicht frei wählen können unter das Diktat der entgrenzten Arbeit fallen? Da kann es nur eine Antwort geben, noch weniger Kosten und noch mehr Gewinn, für Konzerne etc. Das wird erreicht durch Selbstausbeutung der Menschen!

Wer grenzenlos arbeiten will, soll dies tun oder versuchen. Da ist jeder selbst Mensch genug. Aber für alle anderen müssen klare Regeln geschaffen und überwacht werden. Wer Nein sagt zu entgrenzter Arbeit, der darf in seinem Berufsleben auch keine Nachteile erfahren. Ansonsten ist grenzenlose Freiheit – entgrenzte Arbeit nur ein Alptraum für alle die diese leisten, leider braucht eine Ganze Weile bis dass der eigene Körper dies feststellt und die Reißleine zieht.

 

Eurer Norman

PS. Denkt an meine #Zukunfts-Challenge. Mehr dazu in der Seitenleiste oder unter: Meine Zukunfts-Challenge: Fragen zur Zukunft
Ich freue mich auf Kommentare zu meinen eigenen Fragen, die ich bisher beantworte oder neu auf Eure Fragen. Aber achtet auch auf die Regeln!

 

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